Thermik ist der Grund, warum ein Flugtag um zehn Uhr glatt und um zwei Uhr ruppig ist. Sie entsteht aus nichts weiter als Sonne, Boden und einem Temperaturunterschied – und sie bestimmt, wie hoch die Wolken hängen, wie böig der Endanflug wird und wann der Tag zu Ende ist.

Der Motor

Die Sonne heizt nicht die Luft, sondern den Boden. Der Boden gibt die Wärme an die Luftschicht darüber weiter. Weil nicht jede Fläche gleich schnell warm wird, entstehen Flecken: ein abgeerntetes Feld, ein Steinbruch, eine Ortschaft heizen deutlich schneller auf als Wald oder Wasser. Über dem wärmsten Fleck löst sich irgendwann eine Blase vom Boden und steigt auf – der Aufwind, den Segelflieger den Bart nennen.

Beim Aufsteigen kühlt die Blase um rund 1 °C je 100 Meter ab. Erreicht sie den Punkt, an dem ihre Feuchtigkeit kondensiert, entsteht die Wolke. Deshalb steht über jedem funktionierenden Aufwind ein Cumulus – und deshalb gibt es an trockenen Tagen Thermik ganz ohne Wolken, die sogenannte Blauthermik.

Schnitt durch eine Thermiklandschaft: die Sonne heizt Feld und Ortschaft stärker als den Wald, darüber steigen Aufwindschläuche zum Kondensationsniveau auf und bilden Cumuluswolken, dazwischen sinkt die Luft ab.

Was aufsteigt, muss anderswo wieder herunter. Zwischen den Bärten sinkt die Luft großflächig ab. Das erklärt, warum es sich an einem guten Thermiktag anfühlt, als flöge man ständig bergab: die Abwindzonen sind viel breiter als die Aufwindschläuche.

Warum manchmal nichts geht

Ob die Blase weitersteigt, hängt nicht von ihr ab, sondern von ihrer Umgebung. Kühlt die umgebende Luft mit der Höhe schneller ab als die Blase, bleibt die Blase immer die wärmere und steigt weiter – die Schichtung ist labil. Kühlt die Umgebung langsamer ab, wird die Blase schnell zur kälteren und sinkt zurück – die Schichtung ist stabil.

Zwei Diagramme Temperatur über Höhe: bei stabiler Schichtung verläuft die Umgebungskurve steiler als die Kurve der aufsteigenden Luftblase, bei labiler Schichtung flacher.

Eine Inversion – eine Schicht, in der die Temperatur nach oben sogar wieder zunimmt – wirkt wie ein Deckel. Unter ihr sammeln sich Dunst und Feuchtigkeit, die Thermik bricht dort ab. Genau das passiert unter einem kräftigen Hoch.

Der Tagesgang

Am frühen Morgen ist die bodennahe Luft am kältesten und die Schichtung stabil – nichts geht. Mit der Sonne wächst die durchmischte Schicht von unten nach oben; gegen Mittag setzt die Thermik ein und erreicht am frühen Nachmittag ihr Maximum. Am späten Nachmittag lässt sie nach, und mit dem Abriss der Thermik wird die Luft schlagartig glatt. Über den Alpen liegt das Ganze rund eine Stunde früher als im Flachland, dafür deutlich kräftiger.

Was das für einen Flugtag bedeutet

  • Die Wolkenbasis lässt sich abschätzen. Spread in Grad Celsius mal 125 ergibt ungefähr die Höhe der Cumulusbasis über Grund in Metern. Bei 8 °C Abstand zwischen Temperatur und Taupunkt also etwa 1 000 Meter.
  • Der ruhige Flug liegt am Morgen und am Abend. Wer Passagiere mitnimmt, die das Fliegen erst kennenlernen, plant nicht für 14 Uhr.
  • Rechne im Endanflug mit Scherung. Ein Bart direkt neben der Piste kann die Anzeige um zehn Knoten schwanken lassen; ein Anflug mit etwas mehr Fahrt ist an solchen Tagen die bessere Wahl.
  • Blauthermik ist unsichtbar, aber vorhanden. Fehlende Wolken heißen nicht, dass es ruhig ist.
  • Überentwicklung kündigt sich an. Wenn die Basis über den Tag steigt und die Wolken gleichzeitig hochschießen, kippt der schöne Thermiktag in einen Gewittertag.
  • Der Bart steht nicht senkrecht. Bei Wind wird der Aufwind mit der Höhe versetzt – die Wolke steht nicht über ihrem Auslöser.

Zum Merken

Labil heißt Thermik, Turbulenz und gute Sicht. Stabil heißt ruhige Luft, Dunst und Deckel.